Ein paar Gedanken zu Alfred Hitchcocks 1963er Film "Die Vögel" (The Birds):Vordergründig scheint es in diesem Film um eine Katastrophe in der kalifornischen Kleinstadt Bodega Bay zu gehen - diese wird von einer Riesenschar mordlustiger Krähen, Möven und anderer Vögel überfallen.
Im Zentrum des Geschehens stehen die San Franciscoer High Society Dame Melanie Daniels (gespielt von Hitchcocks damaliger Neuentdeckung Nathalie Kay "Tippi" Hedren), Tochter eines Pressezaren, Mitch Brenner (Rod Taylor) - ein Anwalt, der seine Kanzlei in SanFrancisco hat und seine Wochenenden immer bei seiner Mutter und seiner Schwester in Bodega Bay verbringt, und Mitchs Mutter und Schwester Lydia und Cathy.
Mitch und Melanie lernen sich in einer Zoohandlung in San Francisco kennen: Mitch sucht lovebirds für seine Schwester, welche bald Geburtstag hat, Melanie sucht mynah birds (Beos, Synchro: Mynah-vögel!) für ihre Tante.
Hier hat die deutsche Synchronisierung übrigens totalen Bockmist gebaut: lovebirds wird mit Sperlingspapageien übersetzt - das ist zum einen ornithologisch falsch (Die Liebesvögel haben auch im Deutschen einen bedeutungsschwangeren Namen, nämlich Unzertrennliche) und zum anderen fehlt im folgenden Dialog zwischen Mitch und Melanie die knisternde Erotik der englischen Fassung.
Was sagt uns das? Hitchcock sollte man immer in der englischsprachigen Originalversion anschauen, um sich der Hintergründigkeit, dem Witz und der versteckten Anspielungen sicher zu sein.
Der weitere Verlauf der Geschichte:
Sowohl Mitch als auch Melanie verlassen die Tierhandlung ohne das Beabsichtigte gekauft zu haben. Melanie besorgt sich über Umwege die Adresse von Mitch in Bodega Bay und fährt dorthin, mit zwei lovebirds im Gepäck, um diese Mitchs Schwester zu schenken.
Ab Melanies Ankunft in Bodega Bay ist es vorbei mit der Ruhe (wie später im Film eine hysterische Frau auch richtig meint). Die Vögel sind da!
Es ist nicht das erste Mal, dass Vögel in einem von Hitchcocks Filmen eine große Rolle spielen. Schon in Psycho tauchten sie an verschiedenen Stellen auf: Am Anfang des Films fliegt die Kamera mit einer Art Adlerperspektive über Phoenix, Arizona bis in das Hotelzimmer von Marion Crane. Im Bates Motel hängen viele ausgestopfte Vögel in Normans Büro, lauernd an der Wand. Die Kamera nimmt häufiger eine Vogelperspektive ein.In Birds jedoch wird offensichtlich, was in Psycho eher im Hintergrund gezeigt wurde: Die Vögel stehen für das jede "normale" sexuelle Beziehung verhindernde Dazwischensein der Mutter - zwischen ihrem Sohn und seiner Geliebten. Sie sind die ausführenden Organe der mütterlichen Eifersucht bzw. Verlustangst. Die Lücke, die durch den Tod des Mannes entstanden ist, wird gefüllt durch die übermäßige Sorge um das Wohl des Sohnes - der vor der angeblich nackt in römischen Bädern lustwandelnden Melanie (Fellini läßt schön grüßen) beschützt werden muss.
Am Ende des Films, nachdem Melanie sich von der verwöhnten Millionärstochter in eine kämpferische Frau verwandelt hat und ihre Qualitäten als Ehefrau vor der Mutter bewiesen hat, und nach ihrem Leidensweg in den Armen Mitchs Mutter liegt - wie Jesus in den Armen der Pieta - haben auch die Möven und Krähen ihre Angriffslust verloren. Sie haben ihre läuternde Aufgabe erfüllt und werden nicht mehr gebraucht. Jetzt dürfen die lovebirds wieder ins Bild.The Birds ist einer der Hitchcocks, in denen man auch nach wiederholtem Anschauen neue Aspekte entdeckt und somit nicht langweilig wird. Als Kind gruselt man sich vor dem Tierhorror, als "aufgeklärter Erwachsener" versucht man das Rätsel der Hitchcockschen Motive und Symbole zu knacken. Toller Film.
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